Tragen
Tragen
Ich kann mir die erste Zeit mit unseren Kindern ohne Tragehilfe gar nicht vorstellen, denn all die schönen Erinnerungen sind irgendwie mit dem Tragen verknüpft. Es ist denke ich eine Tatsache, dass Babys in Tragehilfen wesentlich zufriedener sind, als Babys in Kinderwägen. Wenn ich mich in so ein kleines Wesen hineinversetze und mir vorstelle, ich hätte die beiden Optionen Tragehilfe oder Kinderwagen zur Auswahl - na, ich würde auf jeden Fall die Tragehilfe wählen: ich könnte alles aus der Perspektive der Erwachsenen betrachten, dürfte überall dabei sein, wüsste, dass meine Bedürfnisse immer sofort registriert würden, mir wäre nicht kalt im Winter und ich könnte wach sein oder schlafen wann auch immer mir danach wäre. Herrlich, ich glaube, ich wollte da nie wieder raus! In den meisten Teilen der Welt werden kleine Babys anfangs nur getragen. Auf Bali wird ein großes Fest gefeiert, wenn Babys nach sechs Monaten überhaupt zum allerersten Mal in ihrem Leben den Boden berührt, um zu krabbeln und die Welt vom Boden aus zu erkunden. (Vgl. Sears, S. 281)
Während die Vorzüge des Tragens mittlerweile auch wissenschaftlich belegt sind, finden viele Eltern ganz einfach, dass Tragen ihr Leben wesentlich erleichtert und ihre Babys glücklich macht. Meine Hebamme betonte immer, wie wichtig es ist, gleich nach der Geburt mit dem Tragen anzufangen, „damit dein Rücken mitwächst“. Am Anfang ist dein Baby leicht wie eine Feder und dein Rücken wird dir nicht wehtun. Lass dir also gleich nach der Geburt von deiner Hebamme oder einer Trageberaterin mehrere Möglichkeiten zeigen. Alle Hebammen, die ich kenne, haben sich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt und sind große Fans, da sie die Vorzüge miterleben. Manche Kinderärzte sind noch etwas vorsichtig, weil sie häufig selbst noch keine Erfahrung mit dem Thema sammeln konnten. Diejenigen, die es jedoch taten, sind in der Regel auch begeistert, solange das Kind richtig getragen wird. Du wirst hier aber genug wissenschaftliches Backup bekommen, um dein Kind guten Gewissens von Anfang an tragen zu können, auch wenn dein Kinderarzt vielleicht skeptisch ist.
Das Wichtigste ist, dass du dich von der Vorstellung eines zufrieden ins Mobile schauenden, auf dem Rücken liegenden Babys verabschiedest. Solch ein Verhalten wäre auch für die frühe Synapsenbildung deines Babys gar nicht besonders wünschenswert. Ist dein Baby wach und alle Grundbedürfnisse sind gestillt, sollte es immer möglichst viel Input und Anregungen bekommen. Es sollte idealerweise einfach in deinem Alltag mitlaufen und im Tragetuch beobachten, wie du Blumen gießt, Zettel ordnest, die Spülmaschine ausräumst, einkaufst oder deinem Großen ein Buch vorliest. Einfach das ganz normale Leben. Erwarte nicht, dass ein kleiner Säugling länger als fünf, höchstens 10 Minuten zufrieden unter einem Mobile liegen wird. Seine Aufmerksamkeitsspanne ist bei einer solch „eintönigen“ Sache noch nicht lang genug. Wenn du die liegenden Phasen, in denen sich dein Baby selbst beschäftigt als die Ausnahme ansiehst und die Zeit in der Tragehilfe als das Normale, kannst du dich viel besser entspannen und im Jetzt dein Kind genießen.
Vielleicht ist es ein Trost und eine Motivation sich klarzumachen, dass an den meisten Orten der Welt Babys den ganzen Tag getragen werden. Durch unsere nomadische Vergangenheit sind wir als Menschen sicher auch wunderbar daran angepasst. Durch das viele Tragen schulst du deine Feinfühligkeit und wirst ein sehr sicheres Gespür für die jeweiligen Wünsche deines Babys entwickeln: du kannst es zum Spielen absetzen, sobald es durch seine Körpersprache Interesse signalisiert und wirst es einfach sofort ohne Weinen wieder hochnehmen, wenn es signalisiert, dass es wieder getragen werden möchte. Getragen werden ist ein menschliches Bedürfnis, genau wie an der Brust zu nuckeln oder in deiner Nähe zu schlafen. Wenn du dieses Bedürfnis stillst, solange es existiert, wird es wahrscheinlich schnell wirklich verschwinden. Wird es ignoriert, kehrt es auf einer anderen Ebene ein Leben lang wieder. Genau wie das Bedürfnis an der Brust zu nuckeln, wird das Bedürfnis getragen zu werden je nach Tagesform stark variieren. Während eines Entwicklungssprungs oder während eines Infekts, mag dein Kind wahrscheinlich den ganzen Tag getragen sein. Fühlt es sich stark und groß, möchte es vielleicht den ganzen Tag den Bücherschrank ausräumen.
Viele Vorteile des Tragens sind inzwischen wissenschaftlich erwiesen. Getragene Babys weinen wesentlich weniger als solche, die nicht getragen werden. Es mag daran liegen, dass sich das Kind so ähnlich wie im Bauch der Mutter fühlt oder auch an der Möglichkeit, an eurem Leben Teil zu haben. Sicher ist, dass die berühmten abendlichen Schreistunden bei viel getragenen Babys kürzer ausfallen und auch mithilfe einer Babytrage wesentlich besser überstanden werden. Wenn du merkst, dein Baby wird gegen Abend unruhig, setze es am besten schon bevor es wirklich weint in die Tragehilfe und gehe draußen spazieren. Vielleicht hast du Glück, und es schläft über die schwierige Zeit hinweg.
Die Crux besteht momentan darin, dass die vermeintlich „schicksten“ Tragehilfen, ergonomisch teilweise höchst problematisch sind und die sehr wichtige Anhock-Spreiz-Haltung des Babys nicht gewährleisten. Versuche einen Kompromiss zu finden zwischen schön und trotzdem sinnvoll. Mit Tragehilfen kann man viel falsch machen. Wir empfehlen auf jeden Fall die Anschaffung eines einfachen, langen Tragetuchs aus Köperstoff für ganz kleine Babys und eines kurzen, einfachen Tragetuchs für den Hüftsitz, wenn dein Kind schon älter ist. Ein kurzes Tragetuch ist nicht teuer und du kannst es in einer ganz neutralen Farbe wie Blau oder Beige kaufen, sodass es nicht mit deinem Kleidungsstil kollidiert. Mit etwa zwei Monaten fühlen sich die meisten Babys dann in einer der hochwertigen Tragehilfen wie Manduca oder Ergobaby sehr wohl. Darin können sie später sogar bis zu einem Alter von vier Jahren auch auf dem Rücken getragen werden.
Buchtipps zum Weiterlesen:
Jean Liedloff: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit, becksche reihe
Evelin Kirkilionis: Ein Baby will getragen sein. Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens, Kösel


