Stillen
Stillen
Stillen ist heute praktisch ein Muss und man fühlt sich ganz schön unter Druck gesetzt. Mich hat die Tatsache immer beruhigt, dass es ja offensichtlich in anderen Kulturen gar keine Alternativen zum Stillen gab und teilweise immer noch nicht gibt, und jedes Baby anscheinend fähig war und ist, an der Brust zu trinken. Trotzdem höre ich oft, es habe nicht geklappt und die ersten „Stillsitzungen“ mit meinen eigenen Kindern habe ich als sehr stressig und belastend in Erinnerung. Der Druck war sehr groß und die Angst, es könnte nicht klappen auch. Auch musste ich bei meiner zweiten und auch wieder bei der dritten Tochter einsehen, dass jedes Kind völlig anders trinkt und man es nie wirklich „kann“. Es war jedes Mal gleich schwierig und ich war auf Hilfe und Tipps von außen angewiesen. Die erste Tochter nahm immer nur die Brustwarze ohne den Hof in den Mund und ich verkrampfte mich anfangs furchtbar, sodass mein Nacken in null Komma nix völlig verspannt war: genau deshalb gibt es bei uns auch schöne, mit Dinkelspelz gefüllte Stillkissen, die das verhindern helfen. Die Zweite „schabte“ mit ihrer Zunge und meine Brustwarze war völlig blutig, bis sie lernte richtig zu nuckeln. Die Dritte trank erst ordentlich, nachdem ich meine Armstellung irgendwie verändert hatte und sie in einem anderen Winkel anlegte. In allen drei Fällen wäre ich ohne die Hilfe einer Stillberaterin oder des tollen Buches von Martha Sears mit dem Titel "Breastfeeding" nicht auf die Lösung des Problems gekommen und hätte glaube ich schnell aufgegeben. So war ich eine sehr glückliche, stillende Mutter und stillte alle Drei länger als ein Jahr.
Stillen ist also eine Kunst, die durchaus Übung und eine gewisse Technik voraussetzt, und zwar sowohl bei der Mutter als auch beim Kind. Um diese ersten Hürden und Schwierigkeiten besser zu überwinden, ist es durchaus hilfreich, sich mit dem Wissen um die Vorzüge des Stillens zu motivieren:
Deine ganz spezielle Milch, ist eigens für dein Baby entwickelt. Die Milch jeder Mutter ist anders und jedes Baby braucht eine andere Milch. Deine Milch und die Bedürfnisse deines Babys sind optimal aufeinander abgestimmt. Auch ist die menschliche Muttermilch genau auf die menschlichen Bedürfnisse abgestimmt. Robbenmilch zum Beispiel ist sehr, sehr fett, damit die kleinen Robben im kalten Wasser überleben können. Der Mensch zeichnet sich durch sein extrem großes und anfangs sehr schnell wachsendes Gehirn aus und daher enthält Muttermilch einen bestimmten Bestandteil, der das Wachstum des Gehirns fördert.
Die Zusammensetzung deiner Milch ist genau auf die verschiedenen Anforderungen jeder Wachstumsphase deines Babys angepasst:
1. Fette: Der Fett- und Kaloriengehalt passt sich dem Bedarf deines Babys an. Der Fettgehalt schwankt sogar während einer Stillmahlzeit und auch je nach Tages- oder Nachtzeit. Am Anfang einer Mahlzeit kommt die Vormilch, die einen geringen Fettgehalt hat, je länger die Mahlzeit dauert, desto höher wird der Fettgehalt der Milch. Diese Milch wirkt dann wie ein Sattmacher und auch Zufrieden-Macher. Wenn du dein Baby am Ende einer langen Stillzeit anschaust, wirst du einen verklärten, zufriedenen Gesichtsausdruck bemerken. Aber auch kurze, zweiminütige Nuckeleinheiten haben ihre Berechtigung. Vielleicht will dein Baby nur seinen Durst stillen oder muss emotional auftanken. Je älter dein Baby wird, desto weniger extrem ist seine „Wachstumsrate“ und desto weniger Fett braucht es in seiner Milch. Deine Milch passt sich diesen Anforderungen automatisch an und deine Milch wandelt sich im zweiten Halbjahr nach der Geburt von einer Vollmilch zu einer Magermilch. Daher macht es auch nur Sinn, dass dein Baby jetzt mehr und mehr diese sehr kurzen Stillsessions verlangt. Dennoch kommt es in dieser Zeit ab und zu zu Wachstumsschüben, während derer dein Baby fast ununterbrochen zu trinken scheint. Je kürzer die Abstände zwischen den Stillintervallen werden, desto mehr steigt der Fettgehalt in deiner Milch wieder an. Wenn du dein Baby so oft anlegst, wie es danach verlangt, antwortest du also automatisch immer auf ein Bedürfnis, entweder auf einen erhöhten Kalorienbedarf durch einen Wachstumsschub oder auf ein emotionales Bedürfnis nach Körpernähe. Dein Baby ist auf seine Weise sehr aktiv in diesem Spiel von Trinken und Wachsen.
2.„Schlaue“ Fette: Muttermilch enthält drei Sorten schlauer Fette, die für den Aufbau von Nervengewebe sehr wichtig sind und dafür sorgen, dass elektrische Nervenimpulse schneller weitergeleitet werden und dort ankommen wo sie ankommen sollen.
3. Lipase: durch das Enzym Lipase ist Muttermilch leichter verdaulich als Flaschenmilch. Enzyme können der Flaschenmilch nicht zugesetzt werden, weil sie beim Aufwärmen zerstört werden. Durch die bessere Verdaulichkeit riecht der Stuhl eines gestillten Babys viel weniger streng als der eines „Flaschenbabys“.
4. Cholesterin: für Babys ist Cholesterin nichts Schädliches, ganz im Gegenteil. Es ist unerlässlich, da es wie andere Fette auch, das Gehirnwachstum fördert und die Vitamin D-Aufnahme unterstützt. Während der Zeit des größten Hirnwachstums ist die Konzentration von Cholesterin in der Muttermilch und somit im Blut des Babys am größten.
5. Proteine braucht man zum Wachsen. In der Muttermilch sind viele, viele Proteine, die ganz speziell das menschliche Wachstum ermöglichen. Diese Proteine kann man nicht künstlich herstellen oder einem Milchpulver zusetzen. Jede Milch enthält zwei Proteine, Lactalbumin und Kasein, jedoch in sehr unterschiedlichen Konzentrationen. Während sich Lactalbumin auch in hoher Konzentration in der Muttermilch findet und aufgrund seiner feinen Eiweißbausteine sehr leicht aufgenommen wird, findet sich das grobflockig gerinnende Kasein in sehr hoher Konzentration in Kuhmilch und ist für ein Baby sehr schwer verdaulich. Die menschlichen Verdauungsorgane sind außerdem während der ersten sechs Monate noch sehr „durchlässig“ und porös und können fremde, eventuell allergie-auslösende Proteine noch nicht herausfiltern. Nach etwa sechs Monaten „schließen“ sich diese Poren im Darm, sodass schädliche Proteine besser heraugefiltert werden können und eine größere Resistenz gegen Allergene gegeben ist. (Vgl. Sears Babybook, S. 120)
Die Muttermilch – und nur die - wartet neben der hohen Konzentration von Lactalbulmin außerdem noch mit solch phantastischen Proteinen wie Taurine für Nerven- und Hirnwachstum, Lactoferrin, das für die Aufnahme von Eisen und den Aufbau der Darmflora sorgt und Candida bekämpft. Lysozyme sorgen ebenfalls für die Bekämpfung schädlicher Bakterien. Nukleotide helfen beim Wachstum von Gewebe und unterstützen die Villi bei der Aufnahme von Nahrungsmitteln.
Muttermilch ist süß: Muttermilch enthält 20-30% mehr Laktose als Kuhmilch. Auch das hat einen tieferen Grund, denn ein Bestandteil der Laktose, die Galaktose ist ebenfalls wieder am Aufbau von Hirngewebe beteiligt und das zentrale Nervensystem braucht ebenfalls Laktose. Außerdem ist sie wichtig für die Aufnahme von Kalzium, das wiederum zum Knochenaufbau gebraucht wird. Auch nützliche Darmbakterien leben von der Laktose, zum Beispiel der Lactobazillus bifidus.
Der menschliche Körper kann die Stoffe aus der Muttermilch wesentlich besser resorbieren als die aus der Kuhmilch. Ein Beispiel wäre Eisen. 50-75% des Eisens in der Muttermilch gelangen direkt in das Blut und das Gewebe des Babys, während es bei der Kuhmilch nur 10% sind und aus 4% aus Eisen-angereicherter Flaschenmilch.
Besonders nach der Geburt enthält die Muttermilch sehr viele weiße Blutkörperchen, die die Abwehr gegen Krankheitserreger stärken. Je stärker das Abwehrsystems deines Babys wird, desto weniger werden die weißen Blutkörperchen in deiner Milch. Erst nach sechs Monaten sind sie aber kaum noch vorhanden. Neben diesen weißen Blutkörperchen sind auch Immunglobuline in deiner Milch, die wie ein natürliches Antibiotikum funktionieren. Dein Baby produziert zwar kurz nach der Geburt (Nestschutz) eine gute Portion Antikörper, diese reichen jedoch nicht für lange. Die Antikörper, die du dem Kind über deine Plazenta gegeben hast, reichen nur für die ersten 9 Monate. Deine Milch gleicht diese Schutzlosigkeit aus, denn je geringer die Immunglobuline im Blut deines Kindes werden, desto mehr steigen sie in der Milch an. Mit etwa einem Jahr hat dein Kind dann genügend eigene Abwehrkräfte. Das Kolostrum oder die Vormilch hat eine sehr, sehr hohe Konzentration von weißen Blutkörperchen und ist ein tolles natürliches Abwehrmittel. Es ist wie eine erste kleine natürliche Impfung. Wann immer die Mutter Antikörper auf eine Infektion in ihrer Umgebung bildet, gehen diese auch in ihre Milch über und erreichen so auch ihr Baby. Der Antikörpergehalt der Milch ist also ständig auf dem neuesten Stand. (Vgl. Sears, Babybook, S. 121f.)
Stillen mag manchmal sehr fordernd und anstrengend sein. Besonders wenn dein Kind einen „Sprung“ macht und gar nicht mehr von deiner Brust weg möchte, fühlst du dich vielleicht als „Milchbar“ missbraucht. Gerade in solchen Momenten ist es wichtig, sich der Vorteile für sich selbst zu erinnern. Durch das Saugen deines Babys an der Brust, werden zwei sehr wichtige und vorteilhafte Hormone in deinem Körper ausgeschüttet: Prolaktin (das Liebeshormon) und Oxytozin (das Bindungshormon), das zum Beispiel auch dafür sorgt, dass sich deine Gebärmutter zusammenzieht. In deiner Milch ist auch ein Stoff, der das Einschlafen fördert und dieses Hormon wird praktischer Weise auch in deinem Körper ausgeschüttet, sodass Stillen entspannend wirkt. Frauen, die stillen, verringern ihr Brustkrebsrisiko. Stillen hilft, dein Baby „lesen zu lernen“ und Sears stellt sogar die These auf, dass gestillte Babys „braver“ sind. Du lernst dein Kind beim Stillen auf jeden Fall sehr gut kennen und kannst so besser dafür sorgen, dass es ihm gut geht und es sich wohl fühlt.
Falls ihr trotz oder wegen all dieser Vorteile verzweifelt seid und Hilfe bei Stillproblemen habt: Ich empfehle sehr das
Breastfeeding Book von Martha Sears für die, denen es nichts ausmacht, Englisch zu lesen.
Wendet euch gerne an unsere Stillberaterin Aira in Berlin: 030/68819533, aira@gmx.de oder auch an die
LaLecheLiga: www.lalecheliga.de . Dort könnt ihr nach kostenlosen Stillberaterinnen in eurer Nähe suchen.


