Schlafen
Schlafen
Am Thema Schlaf kristallisieren sich am Anfang des Lebens mit Säugling alle Wünsche und Sorgen. Ein gut schlafendes oder "durchschlafendes" (was ist das eigentlich?) Baby, ist ein gutes Baby. Da sind sich wohl alle einig. Es ist ja auch nicht zu unterschätzen, denn schläft mein Baby gut, dann macht alles Spaß und die Probleme sind zu meistern. Müde Eltern haben keinen Spaß an gar nichts und keine Kraft zu gar nichts, schon gar nicht haben sie die Kraft schlaue Erziehungstipps zu hören und umzusetzen. Beim Thema Bindung und viel Nähe zum Kind könnten sie nur heulen, weil sie einfach mal wieder in Ruhe und alleine schlafen möchten. Da ist dann nichts mit Feinfühligkeit und dergleichen und die Tipps eines Werkes wie "Jedes Kind kann schlafen lernen" wirken sehr, sehr verlockend. Trotz allem bin ich aber fest davon überzeugt, dass es auch einen Weg jenseits verschiedener "Schreien-lass-Methoden" gibt und Kinder auch nachts nicht weinen, um ihre Eltern zu ärgern, sondern weil sie ein legitimes und reales Bedürfnis zum Ausdruck bringen - und wenn es nur das Bedürfnis nach menschlicher Nähe ist.
In dem langen evolutionären Prozess wurden Säuglinge so geprägt, dass sie am besten nicht schliefen, wenn sie nicht getragen wurden oder Menschen zumindest in ihrer Nähe wussten. So ein kleiner Säugling alleine im Dschungel unter einem Baum oder alleine in einer einsamen Höhle. Einleuchtend, dass der nicht lange überlebt hätte. Wenn man sich diesen Umstand vor Augen führt, merkt man, dass es eigentlich sehr viel verlangt ist, einen Säugling alleine in einem stillen Zimmer die Nacht durchschlafen zu lassen. Er kann das einfach nicht, schon allein aus biologischer, entwicklungshistorischer Sicht.
Auch finde ich, dass wir uns klarmachen müssen, wie gestresst wir eigentlich alle sind und unsere Kinder ja nachts doch auf eine gewisse Art "abschieben" möchten. Meine große Tochter hat diese Befürchtung schon einige Male geäußert. Als ich sagte, sie müsse jetzt endlich ins Bett gehen, erwiderte sie: "Ihr wollt mich ja nur endlich loswerden." Ganz unrecht hatte sie da ja nicht. Mir fiel auf, dass wenn wir Ferien machten an Orten ohne Strom und Uhren und Verpflichtungen und uns einfach treiben ließen, dann war es uns auf einmal ganz egal, wann die Kinder schliefen. Sie saßen einfach bei uns, hörten noch ein bisschen bei den Erwachsenen-Gesprächen zu und schliefen irgendwann neben uns ein. Das war das pure Glück für sie und mir wurde bewusst, dass dieser ganze Schlafterror auch ein sehr spezifisches Merkmal unserer gestressten, durchgeplanten Gesellschaft ist.
Aus all diesen Überlegungen lässt sich folgern, dass man mit dem kindlichen Schlaf am besten etwas flexibler und spontaner umgeht und vor allem erst einmal das Bedürfnis des Säuglings nach menschlicher Nähe, Stimmen und Körperkontakt auch während des Schlafs ernst nimmt. Außerdem ist es wichtig zu beachten, dass der menschliche Schlaf nicht erzwungen werden kann. Jeder Erwachsene kennt das ja von sich: sobald man wirklich schlafen muss, geht es gar nicht mehr. Wenn ihr aber eurem Baby dabei helfen möchtet, Wege zu finden wie der Schlaf es natürlich “überkommt” und ihr möchtet, dass es eine positive Einstellung zum Schlaf entwickelt, dann gibt es hier einige Hilfen auch für unseren heutigen Alltag, die wir bei LOUyLOU anbieten möchten. Daher habe ich die tragbare Schlafwippe entwickelt und wir bieten verschiedene Babyhängematten und flexibel anzubringende Hängewiegen an.
Wichtig ist bei all diesen Varianten und Hilfen, dass man nur solche Dinge tut, die sich für alle in der Familie richtig anfühlen. Und man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass das ganze Leben und vor allem das Schlafverhalten von Kindern “nur en Överjang” ist. Was heute prima funktioniert, mag morgen schon völlig verfehlt sein. Außerdem sind Kinder und natürlich auch Erwachsene in ihren Schlafbedürfnissen sehr, sehr unterschiedlich. Ein Kind mag trotz Evolution absolute Stille benötigen, sein Geschwisterchen schläft vielleicht am besten mit einem dröhnenden Staubsauger neben sich (alles schon erlebt!).
Tipps für gut schlafende Babys auch ohne “Schreien Lassen”:
- den Tagesablauf möglichst ruhig und mit viel Routine gestalten. Auch in wachem Zustand und auch tagsüber möglichst viel tragen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass häufiges Tragen, das Schlafverhalten verbessert. (Vgl. Sears, Baby Book, S. 320)
- immer gleiche Zeiten für die Mittagsschläfchen. Am besten man wählt Zeiten, zu denen man selbst furchtbar müde ist. Das ist sowieso ein absolut heiliges Gebot meiner Schwiegermutter: sobald das Baby schläft, alles stehen und liegen lassen und sofort dazu legen! Die Geschirrspülmaschine ein- und ausräumen kann man auch, wenn das Baby wach ist und telefonieren kann man auch super mit einem Baby im Tragetuch. Also, sich jeden Tag (anfangs zwei mal) mit dem Kind zu der immer gleichen Zeit hinlegen. Babys, die tagsüber ausgiebig geschlafen haben, schlafen nachts besser.
- abends immer zur selben Zeit und mit dem immer gleichen Ritual ins Bett bringen. Man muss aber bedenken, dass die ganze Familie ein bisschen Zeit abends braucht, um zusammen runter zu kommen. Wenn also einer von euch erst um halb acht nach Hause kommt und ihr dann erwartet, dass euer Kind um 8 schon friedlich schläft, ist das unrealistisch. Irgendwie passt der etwas mediterranere Rhythmus zu den meisten Familien, die wir kennen eigentlich besser.
- es erstaunt mich immer wieder, wie verrückt Kinder nach Routine sind. Sie sind förmlich stolz darauf, wenn sie vorhersagen können, was gleich passieren wird. Alles ist einfacher, wenn jeder Abend gleich abläuft.
- bei ganz kleinen Babys helfen ein warmes Bad oder auch eine kleine Massage mit Mandelöl um runter zu kommen.
- solange ihr stillt, ist das natürlich die einfachste Lösung: Einfach sogar mit den großen Kindern und Buch ins Bett legen und den kleinen Säugling während des Lesens in den Schlaf stillen. Das hat bei uns wunderbar funktioniert. Nach dem Abstillen habe ich den Großen dann Schlaflieder gesungen während ich mit der Kleinen auf einem Gymnastikball gehüpft bin. So ein Gymnastikball ist sowieso eine ganz tolle Sache.
- sehr zu empfehlen sind auch Hängematten jeder Art. Früher hatten wir eine Hängematte neben dem Bett der großen Kinder aufgehängt. Während den Großen ein Buch vorgelesen wurde, konnte man das Kleine an einer Schnur in der Hängematte in den Schlaf schaukeln. Hängematten aller Couleur gibts daher bei uns im Shop.
Interessant war für mich, mir klar zu machen, welche Erziehungsprämisse wir eigentlich in unserer westlichen Welt im Gegensatz zu anderen Kulturen haben. Bei uns scheint die Erziehung zu möglichst früher Selbständigkeit im Vordergrund zu stehen, während in anderen Kulturen die Förderung der Solidarität oder das Teilen oberste Priorität haben, je nachdem was in dieser Gesellschaft gerade wichtig ist. Der Wunsch nach einem selbständigen Kind hat sicher auch unsere Haltung zum Schlaf des Babys geprägt. Ein Baby soll möglichst schnell “lernen” zu schlafen, was ziemlicher Blödsinn ist, weil ein Kind erst sehr viel später wirklich “lernen” kann. Mit den üblichen Schlaftrainings wird so ein kleines Baby eher konditioniert. …und Kinder sollen bei uns ja tatsächlich alles immer möglichst schnell alleine tun. Macht ein Kind etwas allein und selbständig, dann ist es irgendwie lieb und gut. Oft wird Kindern bei uns aber dadurch einfach nicht genug Zeit gelassen sich ihrem Tempo gemäß zu entwickeln, wie ich finde. Westliche Ärzte waren schon Anfang des 20. Jahrhunderts überzeugt, dass das In-den-Schlaf-Wiegen wie manches andere auch die Eltern zu Sklaven ihrer eigenen Kinder mache.” Der französische Kinderarzt Adolph Pinard sagte daher: “Die beste Wiege ist diejenige, die nicht wiegt.” (Babys in den Kulturen der Welt, S. 13) Das Wiegen scheint aber einfach irre gut zu funktionieren, denn es ist wirklich auf der ganzen Welt bei der Kindererziehung zu finden: “Ein Volk von Fischern auf einer Insel im Chinesischen Meer etwa hat ein System von Stöcken erfunden, mit dessen Hilfe die Betten der Kinder so bewegt werden können wie die Boote auf dem Meer schaukeln. Auf Sumatra dagegen nutzt man eine an der Decke befestigte Vorrichtung, um das in Stoff eingewickelte Baby in ein beständiges Auf und Ab zu versetzen.”(ebd., S. 13)
In allen Kulturen ist es den Eltern sehr wichtig, dass das Kind ohne zu weinen einschläft. Oft war das einfach lebensnotwendig, damit Wild nicht verscheucht oder Feinde angelockt wurden. In vielen Teilen der Welt glaubt man wohl auch, dass Babygeschrei Dämonen anlockt. (Vgl. ebd., S. 182)
Entsprechend der Auffassung aller Ärzte in der westlichen Welt werden auch in anderen Kulturen Säuglinge fast immer auf den Rücken gelegt zum Schlafen. Interessant ist auch, dass die meisten Babys nicht in einer leisen Umgebung schlafen wie bei uns. Vor allem in Afrika wird wohl um schlafende Kinder herum ruhig gelärmt und auch auch die Schlaflieder werden sehr laut gesungen. In vielen Ländern werden Kinder nicht nur zum Einschlafen gewiegt, sondern auch um sie zu beruhigen oder ihnen etwas Gutes zu tun, und sie in “den Zustand ruhiger Aufmerksamkeit” zu versetzen.(Vgl. ebd., S. 196)
Außerdem teilt man sich fast überall auf der Welt die Schlafstätte.
Buchtipps zum Weiterlesen:
William Sears: Schlafen und Wachen. Ein Elternbuch für Kindernächte, La Leche Liga
William Sears: Baby Book: Everything you need to know about your baby from birth to age two, Little Brown and Company, 3. Aufl. 2005
William Sears: The Baby Sleep Book: The complete guide to a good night´s rest for the whole family, Little Brown and Company, 2005
William Sears, Ursula Markus, Inge O Wacker: Das "24-Studen-Baby": Kinder mit starken Bedürfnissen verstehen, La Leche League, 1998
Elizabeth Pantley: Schlafen statt Schreien. Das liebevolle Einschlafbuch, Trias
Beatrice Fontanel, Clair d´Harcourt: Babys in den Kulturen der Welt, Gerstenberg


